Fragiles, verwischtes, schweres Material, Wiederentdecktes, scheinbar Entsorgtes, Ausrangiertes - all die Dinge, die Menschen zwar sehen, aber nicht wahrnehmen, erkennt Leis in seiner Einzigartigkeit und Schönheit des Alltäglichen. Für ihn gilt es, diese Variablen zu erkennen und die Möglichkeiten, die in den Dingen liegen, auszuschöpfen. Fächer- und gattungsübergreifend erfahren verworfene Kirchenglocken, ausrangierte Glasbläserformen, nicht mehr nutzbare Sägeblätter oder verlassene Radarstationen eine Metamorphose. Ob Klangteppiche, Installationen, Menschen in ihrer Kreativität weltweit verbindend oder in Öl auf Eisen – die Möglichkeiten des Schauens sind unerschöpflich. Für den Moment, den Augenblick, dem Wechsel der Jahreszeiten und der Witterung unterworfen oder für die Ewigkeit – historische Schichten verschieben sich, bilden Schnittflächen mit der Gegenwart und machen das Augenscheinliche so offensichtlich sichtbar.
Susanne Mangold
Leis' work has its origins in the Gesamtkunstwerk, a word used by Joseph Beuys to state that all our activities built up to one great work of art. Since this is the time of post-everything, there has been a shift in perception to "living is creating." Leis's works are as various as one's life can be. Look around on his website st37.de and find out for yourself. Immunity to definitions is the result of constant movement.
Since 1978 Leis has documented his life and travels on video. The videocamera had a microphone. Without realising he had made thousands of field recordings. Leis is preparing the Klangarchive in Kassel, scheduled to be ready in 2010.
Rinus van Alebeek
les fleurs du mal / die blumen des bösen
hommage à charles baudelaire
die irritation, die das thema dieser bildreihe auslöst, ist ein bewusst gewählter wegweiser zu den ungewöhnlichen, virtuellen bildwelten von udo p. leis.
die beziehung zu baudelaire, einem der einflussreichsten französischen lyriker des 19. jahrhunderts auf die europäische kunst, lässt sich nur schrittweise feststellen.
die lyrik baudelaires, die die freischwebende schönheit auf dem dunklen grund des unheimlichen zeigt, lässt die seelenverwandtschaft des risikobewussten gratwanderers udo p. leis zwischen realität und fiktion erkennen.eine gratwanderung, bei der sich konkreter realitätsbezug und virtuelle imagination auf magische weise zu ganz neuen bildwelten formieren, deren faszination man sich kaum entziehen kann. udo p. leis wählt alte, ausgediente stahlsägeblätter aus industrie- und handwerksbetrieben als projektionsflächen für seine informelle malerei. die härte des stahls und die bedrohliche assoziation der aggressiven sägezacken werden gebannt durch den zauber eines phantasievollen kunstgriffes: durch mehrfache verfremdung in verschiedenen bildnerischen realisationsphasen.
phase1: udo p. leis verfremdet die sägeblätter, indem er sie zur bildfläche erklärt.
mal sind es heftige, grellbunte, farbraum-bildende lineaturen des actionpainting, die hektische, euphorische farbstrudel bilden - mal sind es aufgerissene farbkrusten, die je nach farb- und formenbildung des gesteuerten zufalls wie glühende lava oder eiskalte gletscherströme die bildfläche aktivieren.
phase2: die bemalten sägeblätter werden unter extremen lichtbedingungen fotografiert. schwarzlicht und spotlights werden in einer experimentellen lichtregie zu weiteren mitteln der verfremdung, deren irritation durch das "blow up" der monumentalvergrößerung gesteigert wird.
phase3: die professionellen großphotos werden von udo p. leis im atelier übermalt: konturen werden verstärkt, kontraste präzisiert. mal setzt er blinkende, schattenwerfende irrlichter, dann wieder lässt er gerissene farbpanzer, die an packeisformationen in eiskalter polarnacht erinnern, von magisch-leuchtenden rotspuren durchglühen. das bemalte sägeblatt in seiner vielfachen verfremdung wird zur metapher von euphorie und melancholie - polare gegensätze eines persönlichen lebens- und selbstgefühls.
angst und bedrohung unserer technisierten welt und ihre überwindung beziehungsweise ihre bannung durch die gegenwelt der kunst und der phantasie.
ingo doering
les fleurs du mal / die blumen des bösen
hommage à charles baudelaire
Ein alltägliches Sägeblatt, nicht mehr im Arbeitsprozeß nutzbar, weil die Blätter abgenutzt oder abgebrochen, werden von Udo P. Leis zur Bildfläche erklärt. Die kreisrunden Blätter in unterschiedlichster Größe und Stärke nimmt der Künstler nicht nur als ein Relikt der Arbeitswelt der Sägewerke und metallverarbeitenden Industrie wahr. Er erkennt in ihnen die Vielfältigkeit des Ausdrucks.
Die metallischen Flächen, rauh und spröde in ihrer Abnutzung, erfahren durch Leis eine Transformation in verschiedenste Ebenen und Medien. Sie entwickeln ein Eigenleben und wandern durch die Zeit.
Dieser Transformationsprozeß beginnt in dem Augenblick, da die Sägeblätter mit Ölfarben, Acrylacken oder Dispersionsfarben zur Bildfläche werden. Die rauhe oder glatte Oberflächenstruktur des Metalls läßt die leuchtenden Farben dabei durchbrochen erscheinen. Nichts Glattes haftet den Farbgebungen an. Die Abnutzung der Blätter schlägt sich in ihrer Oberflächenstruktur nieder. Die aufgetragenen Farben dürfen sich den Untergründen anpassen; verlaufen, sich eingraben und ihren eigenen Weg finden.
Grelles Blau, schreiendes Gelb und das alles überragende Rot – den Grundfarben haftet in dieser Herangehensweise ein unbestimmtes Eigenleben an – sie vermischen sich ungeniert, vielleicht auch sich selbst überlassen und scheinbar ungezielt. Das Ergebnis der Farbgebungen ist für das Auge überwältigend. Strahlendes Blau und sattes Grün. Entweder plan mit Durchbrüchen in Eisblau und einem ebenso eisigen Weiß, oder ein Feuerwerk in gelb-orange-grün.
Figuren oder kleinere Farbtupfer halten das Auge fest und lassen es sich in diesem Strudel der Scheibe und ihrer farbigen Struktur verorten.
Die so verfremdeten Sägeblätter werden nun von Leis in eigenwilliger und extremer Bildregie fotografiert. Es entstehen Fotos in einer Größe 145x145 cm. Die schwarze Einrahmung ist Programm. Grelle Effekte auf schwarzem Grund - kreisrunde auf wird auf quadratische Fläche übertragen. Der Künstler wählt für diesen Transformationsprozeß zwei Möglichkeiten: Fotodruck auf drei Millimeter starkem Polyethylen oder als Leinwanddruck.
Anschließend erfahren die so entstandenen Objekte ein weitere Umgestaltung. Linien, Punkte, Schattierungen und Lichteffekte in Öl, mal mit kräftigem Pinselstrich, mal zart und punktuell gesetzt, transportieren das großformatige Foto in eine dreidimensionale Sphäre. Tiefe und Struktur entstehen wie in einem Hologramm. Die Flächen scheinen sich zu bewegen und zu tanzen. Plötzlich kann sich das Auge nicht mehr festhalten. Die Dimensionen scheinen zu verschwimmen.
Was geschieht? Ein ausrangiertes Sägeblatt wird zur Bildfläche erklärt und bemalt. Rauher, rostiger schroffer Untergrund und die Weichheit der Farbe treffen aufeinander. Eine Fotoserie wird gemacht. Das kreisrunde, metallische Bild wandert in einen mechanischem Prozeß durch eine optische Linse. Auf Leinwand oder Fotopapier in quadratischer Form durch einen chemischen Vorgang fixiert erreicht es nun großformatige Ausmaße auf schwarzem Untergrund.
Wieder wandert der Pinsel über ein Medium. Ihm Tiefe verleihend und zu Authenzität erreichend.
Im Gegensatz zu Lucio Fontana, der seinen Bildflächen Verletzungen zufügte, um die Struktur der Leinwand und der Farbe auf ihr Tiefe und Dreidimensionalität zu verleihen, vermitteln die von Leis umgestalteten Sägeblätter dies ohne verletzt worden zu sein. Udo P. Leis sezuz nicht das Messer an, um Effekte und Affekte hervor zurufen. Er setzt an einem anderen Punkt an. Die Suche nach Relikten und ungwöhnlichen Bildflächen führt ihn zu den Sägeblättern. Die ausrangiert eher ein trauriges Ende gefristet hätten. So nun aber in den unterschiedlichtsten medialen Dimensionen eine ebenso ungewöhnliche Transformation durchlebten.
Kein Schmerz oder schmerzlichen Empfinden geht von ihnen aus. Aber auch kein watteweich oder Wohlbefinden. Eher lassen sie den Betrachter Emphathie über die Struktur der Dinge des Alltag übernehmen und die Wege, auch wenn sie noch so abseitig erscheinen.
Susanne Mangold
Intergalaktische Gasnebel
Ein Mann mit zwei Fächern, sie um sich drehend in schnellem Rhythmus der elektronischen Musik von Wolfram DER Spyra. Nach der Bedeutung tastend, eröffnen sich kulturhistorische Welten.
Handgeräte aus leichtem und federndem Material waren bereits im Altertum in Ägypten, Persien und Babylonien bekannt. Verwendet auch zum Zeichen der Herrscherwürde und nicht nur, um sich Kühlung zu verschaffen. Auch Griechen und Römer nutzten Wedel in dieser Form.
In der christlichen Liturgie sollten Fächer aus Leder, Seide, Federn oder Pergament zu beiden Seiten des Altars in langsamen Bewegungen lästige Tierchen von Brot, Wein und vom Priester fernhalten. Bis in das 14. Jahrhundert hinein fand diese Anweisung aus den „Apostolic Constitutions“ (4. Jahrhundert, VIII, 12) ihre Anwendung. In der östlichen Kirche findet diese Regel bis heute Anwendung.
Fächer sind auch ein Bestandteil des traditionellen japanischen Tanzes. Kabuki, No oder religiöse Tänze – der Fächer findet seine stärkste Ausdruckskraft in den Händen der darstellenden Künstler. Als Verlängerung der Arme, um Empfindungen drastisch Ausdruck zu verleihen oder als Maske das Gesicht verbergend.
Als modisches Accessoir hielt der Fächer seinen Einzug in Westeuropa im 16. Jahrhundert. Aus Japan kommend über spanische Handelswege fand er schließlich seinen Weg bis zum französischen Hof Ludwig XIV. Hier Luxusgegenstand in seiner höchsten Form. Bekanntermaßen tanzte der Sonnenkönig leidenschaftlich gerne. So wurde der Fächer auch hier zum Ausdruck von Gefühlen verwendet. Künstlerisch ausgestaltet vor allem im Rokoko mit Landschaftsmalerei und auf hochwertigen Materialien. Der Fächer ist ein Ausdruckmittel in Form, Farbe und dem jeweiligen Träger und seiner ganz eigenen Körpersprache.
Die Darstellung des Künstlers Udo P. Leis im Planetarium zu Bochum zitiert historische und ästhetische Aspekekt. Ein Wirbel, ein Nebel der Eindrücke, umschließt die Person hinter den Fächern. Der Tänzer ist fast nicht zu erkennen. Farbregen und musikalische Sprünge verwinden sich in einer Spirale. Priester, Tänzer, Herrscher über Farben und Formen in einen Klangteppich getaucht verschlingen sich Geschichte und Jetztzeit ineinander. Unterschiedlich große Fächer in den verschiedensten Farben und Materialien verwirbeln mit den Strömungen der elektronischen Musik. Klangteppiche und Bewegungen des Tanzes verweben sich miteinander zu einem Ganzen, einer Symbiose. Zwei Künstler, die den Spagat wagen, und bewältigen, Kunst- und Kulturgeschichte mit der Gegenwart zu verbinden. In Ton, Bild und Bewegung.
Susanne Mangold